Mitgliedsbericht: „Alle Einwände und Fragen ernst nehmen“

PV-Anlage einer WEG in Staufen
Foto: Karin Beckert

Die WEG von WiE-Mitglied und Beirätin Karin Beckert in Staufen hat es in relativ kurzer Zeit geschafft, eine Photovoltaik-Anlage zu installieren und zu betreiben. Das Besondere: 95 Prozent der Eigentümer:innen haben dem Projekt zugestimmt. Wie das gelungen ist, lesen Sie im folgenden Erfahrungsbericht.

"Unsere Wohnungseigentümergemeinschaft besteht aus 47 Wohnungen. Sie umfasst vier Häuser mit begrünten Flachdach. Da die Wohnanlage erst 2016 erbaut wurde, waren die baulichen Voraussetzungen des Gebäudes für das Nachrüsten einer Photovoltaik-Anlage gut – es gab bereits vorinstallierte Leerrohre und einen Hauptzähler mit eigenen Unterzählern.

Im Mai 2024 bildete sich eine Arbeitsgruppe Photovoltaik aus fünf Eigentümern, darunter mir, und erarbeitete das Thema – holte Informationen ein und entwickelte ein Finanzierungskonzept. An zwei Informationsabenden informierten wir die anderen Eigentümer:innen. 

Die Anlage (siehe Foto) wurde im März 2026 installiert, hat eine Leistung von 74 kWp und beliefert seitdem alle Eigentümer:innen und Mieter:innen mit Strom. Etwa 60 bis 70 Prozent des erzeugten Stroms nutzen wir für den Eigenbedarf. Der Rest wird ins Netz eingespeist, wofür die WEG eine Einspeisevergütung erhält. Wir planen, die Anlage im kommenden Jahr noch mit einem Speicher nachzurüsten. Für das Projekt haben wir 2025 den Klimaschutzpreis der Stadt Staufen erhalten. 

Das Besondere an unserem Projekt: Alle bezahlen erst einmal weiterhin den Strompreis des Stromanbieters (32,5 Cent pro kWh). Die Differenz zum ‚kostenlosen‘ PV-Strom plus die Einspeisevergütung fließen direkt in die WEG-Rücklage. So können wir diese wieder ‚auffüllen‘. Wir rechnen damit, dass dies sechs Jahre dauern wird. Dann werden wir entscheiden, was mit dem kostenlosen PV-Strom passiert: Entweder wird es eine Gutschrift für jede Partei nach Miteigentumsanteilen geben oder wir füllen die Erhaltungsrücklage weiter auf. 


Folgende Erkenntnisse aus dem Projekt können vielleicht hilfreich für andere WEGs sein: 

  •  Alle Einwände und Fragen ernst nehmen: Unsere Teilungserklärung schreibt vor, dass wir für größere Sanierungen mindestens 90 Prozent der Stimmen benötigen. Die größte Herausforderung für unsere Arbeitsgruppe bestand daher weniger in der technischen Planung, sondern vielmehr darin, eine möglichst breite Zustimmung unter den Eigentümer:innen zu erreichen. Unser Ziel war, alle mit ins Boot zu nehmen. Das kann aus unserer Erfahrung nur gelingen, indem ALLE Einwände, Sorgen und Fragen von den Eigentümer:innen tatsächlich ernst genommen, neutral behandelt und beantwortet bzw. aus dem Weg geräumt werden. In unserem Fall gab es Fragen zu den Aspekten erforderliche Mehrheit bei der Beschlussfassung, Statik, Speicher, Steuer, Zähler, Smartmeter, Brandschutz, Finanzierung und Versicherung.
     
  • Finanzierung über die Rücklage: Wir haben die PV-Anlage, deren Anschaffung 70.000 Euro kostete, ausschließlich über unsere bestehende Erhaltungsrücklage finanziert. Somit war keine Sonderumlage nötig, es entstanden also keinerlei Kosten – was sicherlich zentral war, um die Zustimmung von fast allen Eigentümer:innen zu bekommen.
     
  • Vorteile für Vermietende besonders herausstellen: Die vermietenden Eigentümer:innen (19 von 47 Eigentümer:innen) mussten wir gezielter und individueller ansprechen als die Selbstnutzenden. Einige von ihnen haben in ihrem Eigenheim bereits eine PV-Anlage, sahen aber nicht den Bedarf, eine solche jetzt auch auf dem Dach der WEG zu installieren. Punkten konnten wir damit, dass keine Zusatzkosten für die PV-Anlage entstehen und dass mittel- und langfristig eine Wertsteigerung der Immobilie durch die Maßnahme zu erwarten ist. Außerdem wird die WEG unabhängiger von anderen Energien, die in den nächsten Jahren ggf. weiter im Preis steigen können.
     
  • Einfache Lösung: Wir wollten eine möglichst einfache Lösung finden. Das ist uns gelungen: Eigentümerin und Betreiberin der Anlage ist die WEG. So können wir sowohl die Investition als auch die Erträge nach Miteigentumsanteilen auf alle Eigentümer:innen aufteilen.
     
  • Keine Steuern: Da die Leistung unserer Anlage unter der Grenze von 100 kWp liegt, bezahlen wir keine Umsatzsteuer für die Installation der Anlage und wir müssen keine Steuern auf die Einnahmen aus der Einspeisevergütung bezahlen. 
     
  • Kommunikation ist das A und O: Unsere Arbeitsgruppe hat sehr viel Zeit investiert, um alle Eigentümer:innen regelmäßig über den Stand der Dinge zu informieren und auf ihre Einwände und Fragen einzugehen. Hierbei kann ich nur raten, möglichst alle Kommunikationskanäle zu nutzen – von Versammlungen über E-Mails bis hin zu (telefonischen) Gesprächen und Whatsapp-Nachrichten. So kann man erreichen, dass alle sich damit auseinandersetzen und Stellung beziehen. ‚Ich enthalte mich‘ ist damit keine Option bzw. bedeutet faktisch ein ‚Nein in der WEG-Entscheidung, das wurde nach und nach allen Eigentümer:innen bewusst. Heute ist die Freude über diesen gemeinsamen Beschluss und die Umsetzung bzw. die Erträge groß.“

Ergänzender Hinweis:

Sie möchten Kontakt aufnehmen, um sich mit dem WiE-Mitglied zum Thema PV-Anlage auszutauschen? Dann schicken Sie gerne eine E-Mail an reinhardt@wohnen-im-eigentum.de.