Sanierungssprints – die Alternative zu langwierigen Prozessen?

Sanierungssprint Quelle INDICAMUS
Quelle: INDICAMUS

Wer an Sanierung denkt, verbindet dies häufig mit langwierigen Prozessen und  Verzögerungen – zurecht, denn das Sanierungstempo in Deutschland ist nicht besonders hoch. Laut Agora Studie aus dem Jahr 2024 dauern Maßnahmen im Rahmen konventioneller Sanierungen üblicherweise sechs bis 18 Monate. Sogenannte „Sanierungssprints“, Pilotprojekte mit kürzerer Sanierungszeit, sind eine von mehreren Alternativen, um effektiv zu sanieren. Lennart Feldmann, Geschäftsführer des Bausachverständigenbüros Indicamus, erklärt im Interview, wie ein Umbau zum Effizienzhaus quasi während des Sommerurlaubs vonstatten gehen kann. 

WiE: Was ist an einer Sanierung per Sanierungssprint anders als bei einer herkömmlichen Sanierung?

Lennart Feldmann: "Der Sanierungssprint ist ein standardisiertes und strukturiertes Verfahren, das darauf ausgelegt ist, energetische Sanierungen hochgradig effizient und planbar umzusetzen. Innerhalb weniger Wochen – in der Regel rund vier Wochen – kann eine Komplettsanierung zum Effizienzhaus realisiert werden. Grundlage dafür ist ein detaillierter, stundengenauer Bauzeitenplan sowie eine präzise abgestimmte Material- und Logistikplanung.

Zentraler Erfolgsfaktor ist der „Sanierungscoach", der den gesamten Prozess vor Ort koordiniert, die Gewerke steuert, Schnittstellen managt und für die Einhaltung des Zeitplans sorgt. Durch diese enge Betreuung und die klare Rollenverteilung entsteht eine außergewöhnlich hohe Planungssicherheit für alle Beteiligten – von Eigentümer:innen über Handwerksbetriebe bis hin zu Planern.

Im Unterschied zur herkömmlichen Sanierung, bei der sich Projekte oft über Monate oder Jahre verzögern, schafft der Sanierungssprint eine Win-Win-Situation: Eigentümer:innen erhalten schneller ein hochwertig saniertes Gebäude, Handwerksbetriebe können effizienter arbeiten und Planende profitieren von klaren Abläufen und weniger Reibungsverlusten. Dieses Maß an Struktur und Zusammenarbeit ist in klassischen Sanierungsprojekten bislang kaum zu finden."

Lennart Feldmann informiert über Sanierungsprints.
INDICAMUS
Lennart Feldmann informiert über Sanierungsprints.

WiE: Sind Sanierungssprints auch bei Wohnungseigentümergemeinschaften denkbar und was wären dort die Herausforderungen?

Lennart Feldmann: Grundsätzlich ist der Sanierungssprint auch für Wohnungseigentümergemeinschaften (WEGs) einsetzbar. Die größte Herausforderung liegt hier in der Entscheidungsfindung, da verschiedene Eigentümer:innen mit unterschiedlichen Interessen an einen Tisch gebracht werden müssen. Eine strukturierte Moderation sowie transparente Kommunikation sind deshalb essenziell. Der Sanierungssprint kann helfen, alle Beteiligten gezielt zu informieren, gemeinsame Ziele zu definieren und die Entscheidungsfindung innerhalb der Gemeinschaft zu erleichtern, da die transparenten Kosten und kurzen Bauzeiten den Eigentümer:innen die Angst vor der Sanierung nehmen.

Aktuell arbeiten wir intensiv daran, das Konzept des Sanierungssprints aus dem Einfamilienhausbereich auch im Bereich von Mehrfamilienhäusern und Wohnungseigentümergemeinschaften (WEGs) zu etablieren. Die Umsetzung ist aufgrund der größeren Objektstrukturen und der heterogenen Interessenlagen innerhalb der Eigentümerschaften zwar anspruchsvoll, doch zugleich stellen wir fest, dass unsere Energieberater:innen und Sanierungscoaches zunehmend von Hausverwaltungen und WEGs nachgefragt werden – nicht nur für die Beratung und Planung, sondern auch für die koordinierende Begleitung der Maßnahmen. In dieser Rolle übernehmen sie häufig die Funktion eines zentralen Ansprechpartners – also gewissermaßen die des „Kümmerers“ im Sanierungsprozess.

WiE: Mit welchen Kosten ist bei einem Sanierungssprint zu rechnen?

Lennart Feldmann: In unserem Pilotprojekt lagen die Kosten eines Sanierungssprints zunächst auf einem ähnlichen Niveau wie bei einer konventionellen Sanierung. Perspektivisch ist jedoch davon auszugehen, dass durch die strukturierte Planung, ein effektives Schnittstellenmanagement sowie die deutlich verkürzten Arbeits- und Standzeiten (z. B. beim Gerüstbau) erhebliche Kostenvorteile entstehen können. Insbesondere die bessere Koordination der Gewerke und die frühzeitige Einbindung aller relevanten Akteure reduzieren Verzögerungen und Nacharbeiten – typische Kostentreiber bei klassischen Sanierungen.

Zur Orientierung: Die Kosten für eine umfassende energetische Sanierung eines Einfamilienhauses liegen derzeit in der Regel zwischen 150.000 und 200.000 Euro. Wird dabei ein Effizienzhausstandard 55 EE erreicht, ist bei Inanspruchnahme eines KfW-Kredits (bis zu 150.000 Euro) ein Tilgungszuschuss von bis zu 30 Prozent möglich – was die Investitionskosten deutlich reduziert und die Wirtschaftlichkeit verbessert. Die Kosten für die Planung  und Begleitung eines Sanierungssprints liegen zwischen 5 und 15 Prozent des Investitionsvolumens der Sanierung (Baukosten)."

WiE: Wer leitet den Sanierungsprozess hauptverantwortlich?

Lennart Feldmann: Die hauptverantwortliche Leitung des Sanierungsprozesses richtet sich nach den Vorstellungen und Anforderungen der Eigentümer:in. Je nach Projektumfang kann diese Aufgabe entweder von einem Sanierungscoach oder einem Bauleiter mit bauingenieur- oder architektonischem Hintergrund übernommen werden. Beide haben die Möglichkeit, die gesamte Baustelle sowie den Bauzeitenplan zu koordinieren und zu überwachen.

Wichtig ist, dass die Verantwortlichkeiten im Vorfeld klar definiert werden – insbesondere, ob eine klassische Bauleitung mit umfassender Verantwortung für die Ausführung und Qualität der Maßnahmen gewünscht ist oder lediglich eine begleitende Funktion. Je nachdem liegt die Verantwortung entweder beim Bauherren selbst oder beim beauftragten Bauleiter.

Darüber hinaus können auch Energieeffizienzexperten – also qualifizierte Energieberater:innen – den Sanierungsprozess im Rahmen einer sogenannten Baubegleitung unterstützen. Dabei handelt es sich um eine stichprobenhafte Bauüberwachung, bei der die Umsetzung der energetischen Maßnahmen auf Plausibilität und Förderkonformität geprüft wird. Diese Leistung kann ebenfalls gefördert werden und trägt zur Qualitätssicherung der Sanierung bei."

Weitere Hinweise:

Informationen zu Sanierungssprints gibt es unter anderem bei der Initiative Zukunft Altbau