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18.06.15. Im ORPLID kann man gut alt werden. Das weiß Heinrich Pickart, Eigentümer und ehemaliges Mitglied des Verwaltungsbeirats in dieser Wohnungseigentumsanlage am Stadtrand von Böblingen, aus Erfahrung. Schließlich hat seine Mutter noch mit weit über 90 in der WEG gelebt – in ihrer eigenen Wohnung neben Sohn und Schwiegertochter.

Auch wer nicht mehr so gut zu Fuß ist, einen Rollator oder einen Rollstuhl braucht, kommt im ORPLID problemlos in seine Wohnung: Der Hauseingang ist ebenerdig, die Aufzüge halten in beiden Gebäuden direkt auf den einzelnen Etagen. 90 der insgesamt 92 Wohnungen erreicht man vom Aufzug ohne Stufen. Nur die Bewohner der beiden obersten Wohnungen im Haupt- und Nebengebäude müssen ein paar Stufen zu ihren Wohnungen steigen.

In den Wohnungen lassen sich barrierefreie Maßnahmen gut verwirklichen. Die Innenwände sind nicht tragend – sie können bei Bedarf versetzt oder entfernt werden. Und auch Türen lassen sich dadurch problemlos verbreitern. Alle Wohnungen verfügen über einen Balkon - allerdings erschwert eine Schwelle Gehbehinderten den Zugang.

Nicht nur Stufen und Schwellen, auch das Öffnen von Türen und Schlösser kann für alte, kranke oder behinderte Menschen zum Problem werden. „Ein Bewohner, der auf einen Elektrorollstuhl angewiesen ist, kann die Eingangstür nicht öffnen und braucht Hilfe, um ins Haus zu kommen“, berichtet Heinrich Pickart. Als er in einer Zeitung über die Möglichkeit las, ohne Schlüssel bis in die eigene Wohnung zu kommen, reagierte er sofort. Der ehemalige Verwaltungsbeirat beantragte, das Thema in der nächsten Eigentümerversammlung zu besprechen. Bei Hans-Jürgen Fritsche, dem für die WEG zuständigen Verwalter, stieß er damit auf offene Ohren. Er setzte den Antrag ganz unbürokratisch auf die Tagesordnung, obwohl die Antragsfrist bereits abgelaufen war. „Wir haben unter Sonstiges darüber diskutiert – und alle waren sich einig, dass wir was tun sollten“, sagt Heinrich Pickart und fügt hinzu: „Solche Maßnahmen waren bei uns nie ein Problem. Es war schon immer etwas Besonderes, im ORPLID zu leben.“ Das vom Architekten Hans Scharoun entworfene Haus unterscheidet sich von typischen Hochhäusern der 60er und 70er Jahre – und steht unter Denkmalschutz.

Einen Vorschlag, wie die Idee mit angemessenem Aufwand umgesetzt werden kann, bereitete Verwalter Fritsche vor der Eigentümerversammlung vor. „Wir haben eine ähnliche Maßnahme schon in einer anderen von uns betreuten Wohnungseigentümergemeinschaft umgesetzt“, erklärt der Geschäftsführer der Verwaltung Lechner und fügt hinzu. „Wichtig ist, dass die Eigentümer mitziehen. Am besten ist es, wenn der Vorschlag aus ihren Reihen kommt. Wenn man dann die Sache gut aufbereitet, sind die Chancen gut, dass Maßnahmen durchgeführt werden.“

Im ORPLID soll die Tür zum Windfang künftig automatisch durch Infrarotsender öffnen und schließen. Die Haustür kann man dann auch elektronisch mit einer Chipkarte oder einem Stick öffnen, die Eigentümer erwerben können, wenn sie es wünschen oder brauchen. Die vorgeschlagene Lösung überzeugte die Eigentümer – sie beauftragten die Verwaltung, einen barrierefreien Zugang für den Hauseingang ins ORPLID umzusetzen. Das wird in den nächsten Monaten geschehen.

Kleinere Maßnahmen am Gemeinschaftseigentum setzten die Eigentümer schon in der Vergangenheit schnell und unbürokratisch um. So wurden in der Tiefgarage auf beiden Ebenen ein automatischer Türöffner installiert: Beim Verlassen des Hauses in die Tiefgarage werden die schwergängigen Türen durch einen Bewegungsmelder automatisch geöffnet. Beim Zutritt aus der Tiefgarage ins Haus öffnen sich die Türen automatisch, nachdem der Bewohner seine Zugangsberechtigung mit seinem Schlüssel ausgelöst hat. So ist gewährleistet, dass nur Berechtigte ins Haus kommen – ohne körperliche Anstrengung“, erklärt Heinrich Pickart. Ein behinderter Bewohner kann dank des großräumigen Aufzugs mit seinem Elektrorollstuhl bis in seine Wohnungsebene fahren. Seine Nachbarn schafften kurzerhand im Aufzugsvorraum Platz für das Gefährt. Und auch die Möglichkeit, den Rollstuhl dort mit Strom „aufzutanken“, wurde geschaffen.

„Das nachbarschaftliche Miteinander in der WEG trägt, wenn wirklich mal Not am Mann ist“, weiß Heinrich Pickart. Trotz der mehr als 90 Wohnungen ist das Orplid – auch dank der Architektur – kein anonymes Hochhaus. Die Wohnungen auf den einzelnen Etagen sind durch Laubengänge verbunden. So entstehen Nachbarschaften von sechs bis acht Wohnungen. „Aber auch zu Bewohnern anderer Ebenen bestehen vergleichbare Kontakte“, sagte Heinrich Pickart. „Man kennt sich und spricht miteinander.“

Nicht umgesetzt wurden die Pläne, in einer Wohnung, die der Eigentümergemeinschaft gehört, eine Sozial- oder Servicestation für die (älteren) Bewohner einzurichten. Mit gutem Grund, wie Heinrich Pickart rückblickend meint: „Es hätte sich wahrscheinlich nicht gerechnet.“

Wer Hilfe oder Unterstützung bei der Pflege braucht, kann in Böblingen zwischen vielen Anbietern wählen. Einen Wäsche- und Bügelservice gibt es sogar im Haus. Und wem der Weg zum nächsten Supermarkt zu weit ist, der kann sich die Lebensmittel liefern lassen. Heinrich Pickart und seine Frau wollen im ORPLID bleiben. „Wir wollen hier alt werden.“