An dieser Stelle will der Verbraucherschutzverband Wohnen im Eigentum mit einigen gravierenden Fehleinschätzungen aufräumen: Wohnungseigentümer sind mehrheitlich keine kapitalkräftigen, fachkundigen, "mündigen" Verbraucher, die sich mit dem komplizierten Wohnungseigentumsrecht auskennen, auf Augenhöhe mit den Dienstleistern (Verwaltern, Bauträgern etc.) verhandeln, ihr WEG-Vermögen sichern und mit dem Wohnungseigentumsgesetz (WEGesetz) eine sichere gesetzliche Basis für die Verwaltung, Instandhaltung und Modernisierung der Wohnungseigentumsanlagen haben. Wohnungseigentum kann funktionieren, ist oft aber auch eine riskante, höchst konfliktträchtige Angelegenheit. Ärger mit Bauträgern, unwirtschaftliches Handeln unqualifizierter Verwaltungen, fehlenden Informationen über das WEG-Vermögen, unterschiedliche Interessenslagen, eine unzureichende Kommunikation oder sogar Streit innerhalb heterogener Eigentümergemeinschaften - all das belastet die Eigentümer finanziell wie auch persönlich in ihrem Wohnumfeld. Beispiele gefällig? Dann lesen Sie die Berichte von Wohnen im Eigentum zu den folgenden Problemen und Skandalen:

 

Zwei WEGs, eine Heizung: Augen auf bei hohen Stromkosten

Unsinniger Fassadenabriss: Fassaden-Desaster in Nürnberger WEG

Dachausbau: Spekulation mit Aufstockungen zulasten der Wohnungseigentümer

Bauausschuss falsch verstanden: Wie eine WEG die Herrschaft über ihre eigene Immobilie verliert

Fragwürdige Geschäftspraktiken: Berliner Eigentumswohnungen werden an Israelis verkauft

WEGs mit Problem-​ und Schrott-​Immobilien: Mahnmale der Immobilienspekulation und Vernachlässigung

Berufszulassung für WEG-​Verwalter: Einstieg in mehr Verbraucherschutz oder Mogelpackung?

Verwaltungsfehler: Milliarden-​Schäden - WiE legte Fakten auf dem Tisch

Konten außer Kontrolle? Treuhandkonten - die Praxis der Banken und Sparkassen

Veruntreuung durch Verwalter: Fakten zum Veruntreuungs-​„Supergau“ in Bonn und der Rolle der Sparkasse

Rauchwarnmelder: Verhältnismäßigkeit von Einsatz und Nutzen oder ein Geschäft mit dem Bedürfnis nach Sicherheit?

Barrierefreiheit? Nachträglicher Fahrstuhleinbau in WEGs ist ein kompliziertes Unterfangen

 

 

Wie es zu solchen Skandalen kommen kann

Das hat sehr viel mit der historischen Entwicklung zu tun. Anders als es der Gesetzgeber 1951 bei Verabschiedung des Wohnungseigentumsgesetzes vorhergesehen hat, ist Wohnungseigentum heute ein Massenphänomen. Mit rund 10 Mio. Wohnungen deutschlandweit sind etwa 22 % aller Wohnungen Eigentumswohnungen. Es gibt mehr Eigentumswohnungen als Mietwohnungen in genossenschaftlicher und wohnungswirtschaftlicher Hand. Dennoch wurde das Wohnungseigentumsgesetz bis heute nur sehr geringfügig auf die Veränderungen angepasst.

  • Gedacht war es für überschaubare Wohnungseigentumsanlagen mit mehrheitlich dort wohnenden Selbstnutzern, unter ihnen solche, die gute Verwaltungs-​, Bau- oder Rechtskenntnisse haben - Ingenieure, Anwälte, Kaufleute, Techniker. Doch die Größen und Strukturen von Wohnungseigentümergemeinschaften (WEGs) sind heutzutage stark ausdifferenziert. Es gibt jetzt Eigentumsanlagen mit 2 Wohneinheiten bis hin zu solchen mit über tausend Wohnungen (die größte bekannte WEG hat 1.920 Wohnungen). Der notwendige und durch das Gesetz vorgegebene Willensbildungs-​ und Entscheidungsprozess ist in vielen WEGs schwer zu handhaben und gerät in Eigentümerversammlungen – dem obersten Entscheidungsgremium der WEG – nicht selten zur Farce. Es fehlt an einer Verbraucherorientierung der gesetzlichen Vorgaben.
  • Auch der „Umwandlungsmarkt“ hat zu erheblichen Veränderungen im Wohnungseigentum geführt, weil große, häufig unsanierte Mietwohnungsbestände im Rahmen der Einzelprivatisierung an Mieter und im gesamten Bundesgebiet verstreut wohnende Kleinanleger verkauft worden sind. Die Finanz-​ und Interessenlage der Eigentümer ist auch deshalb heute höchst unterschiedlich.
  • Lücken und Unklarheiten im Wohnungseigentumsgesetz werden durch eine ausufernde Rechtssprechung mehr schlecht als recht geschlossen.
  • Und die Verwalter, die in den meisten Wohnungseigentumsanlagen eingesetzt sind und eigentlich als "Profis" für ordnungsmäßige Abläufe sorgen sollen, sind häufig genauso überfordert wie die Eigentümer selbst. Sie müssten eine kaufmännische und juristische Ausbildung haben, brauchen für ihre Berufszulassung aber nicht einmal den einfachsten Sachkundenachweis.

Lösungswege müssen diskutiert werden

Käufern von Wohnungen sind die mit dieser Eigentumsform einhergehenden Probleme meist nicht bewusst. Wohnungseigentümer sowie die Wohnungseigentümergemeinschaft als Verband sind zwar als Verbraucher anerkannt, doch eine gesetzliche Verankerung ihrer Rechte auf Aufklärung und Schutz vor Benachteiligung fand bisher nicht statt. Als Verbraucherschutzverband tritt Wohnen im Eigentum daher seit Jahren für eine umfassende, verbraucherorientierte Reform des Wohnungseigentumsgesetzes ein. Ende August 2019 hat eine Bund-Länder-AG Empfehlungen für Veränderung vorgelegt, die nun diskutiert werden müssen. Wohnen im Eigentum vertritt in diesem Prozess die Interessen der Wohnungseigentümer, bringt Einschätzungen und weitergehende Forderungen ein. Unser Appell an alle Wohnungseigentümer, aber auch an alle Interessierten, an Politiker und die Vertreter der Medien: Sorgen Sie mit WiE dafür, dass die Probleme im Wohnungseigentum bekannt und die richtigen Lösungswege diskutiert und vorangetrieben werden!